Missbrauch: Ein Leben zwischen Scham, Schweigen und Verdrängung

 

Inzest ist ein Angriff auf die menschliche Würde, auf die seelische und körperliche Integrität und damit die Identität der Missbrauchten. Das Stück „Das Fest“ des Dogma-95- Autors Vinterberg beleuchtet den sexuellen Missbrauch, in dem Täter und Opfer aus derselben Familie stammen.

 

In dem Bühnenstück wird untersucht, wie diese Personen kompensierend weiterleben und wie gestörte oder zerstörte Seelen das Verhalten bestimmen, aber auch wie die direkte oder weitere soziale Umgebung reagiert: Verleugnen, Verdrängen, Vertuschen, Rationalisieren, Bagatellisieren.

Das Psychogramm einer Großfamilie,das nach traumatisierenden Jahren entstanden ist,1 hängt nicht nur von den zu Gebote stehenden Verarbeitungsmechanismen der einzelnen Persönlichkeiten ab, sondern auch von den sozialen Abhängigkeiten der nicht direkt betroffenen Familienmitglieder, Freunde etc. Die unselige Allianz von Scham, Scheu und falsch verstandener Rücksichtnahme führt zu einer sich ständig selbst verstärkenden Tabuisierung, einem furchtbaren, das System stabilisierenden Familiengeheimnis, das seinerseits zu weiteren psychischen und Verhaltens-Störungen bei allen Betroffenen führt, bei den entfernteren natürlich in weit geringerem Ausmaß als bei den direkten Opfern.

Aber auch diese zeigen je nach Trauma-Nähe, Position und Rollendefinition gegenüber dem Täter, persönlichkeitsbedingten Reaktionsmustern und psychischer Grundausstattung ganz verschiedene Bewältigungsmechanismen.


Tatort ist meist das familiäre Umfeld2

Das alles ist kein Einzelfall. Ein paar Zahlen dazu: Das Klischee vom fremden Triebtäter, der hinter Büschen lauert und Kinder sexuell missbraucht, trifft nur relativ selten zu (je nach Untersuchung 6 - 24 %).Die meisten Täter stammen aus dem nahen Umfeld des missbrauchten Kindes. Etwa 25 % sind Angehörige, 50% kommen aus dem Bekanntenkreis. In der Regel sind die Täter erwachsene Männer, es gibt aber auch Frauen, Jugendliche beiderlei Geschlechts und sogar Kinder selbst, die zu Tätern werden. Äußerlich wirken viele von ihnen angepasst und gesellschaftlich integriert. Doch dieser Schein trügt.

Die meisten haben Schwierigkeiten im zwischenmenschlichen Bereich und andere Defizite. Dazu gehören vor allem: Unzureichende soziale Kompetenz um Schwierigkeiten zu kommunizieren und Konflikte adäquat zu bewältigen; geringes Selbstwertgefühl (evtl. gut kaschiert); soziale Unsicherheit und Ängstlichkeit; mangelnde Impulskontrolle und hohe Aggressivität – oder das Gegenteil, nämlich ausgeprägte Hemmungen (oft zwei Erscheinungsbilder desselben Persönlichkeitsdefizits); Isolation und Einsamkeit (dies auch nach dem inneren Erleben trotz anscheinend äußerer Widersprüchlichkeit); Probleme mit der eigenen männlichen Identität; extreme Abhängigkeit (oft nach außen hin nicht deutlich sichtbar); mangelnde Empathie (also die Unfähigkeit, sich in andere Menschen hinein zu fühlen, Anteil zu nehmen und die Leiden der Opfer nach zu empfinden).

 

Die Macht des Vaters

Ein Vater, der zum Täter wird, nimmt oft in der Familie eine randständige und isolierte Position ein. In seiner Isoliertheit sucht er eine sexuelle Beziehung zu einem oder mehreren seiner Kinder, um Unterstützung und Bestätigung zu erfahren.

Zu seiner Situation gehören ein Verlust an Macht und Kontrolle, die er durch den Missbrauch wieder erlangen will. Letztlich geht es darum, eine narzisstische (Selbstwert-) Störung zu kompensieren. Normalerweise besteht ein nicht zu überwindendes „Inzesttabu“. Der Missbrauch wird daher erst möglich durch eine fehlende emotionale Bindung an das betroffene Kind sowie mangelnde Empathie für dessen wahre Bedürfnisse und auch dessen missbrauchsbedingte Leiden.

Was folgt aus dem sexuellen Missbrauch eines Kindes? Zu nennen sind Angsterkrankungen, Depressionen, Borderline-Störung, posttraumatische Belastungsstörung, Suchterkrankungen, Persönlichkeits- und Beziehungsstörungen, eigene Sexualstörungen u.a..

Das missbrauchte Kind wird als Ersatzgeliebte(r) des Vaters aus dem Geschwister-Subsystem herausgenommen und erhält eine Sonderrolle zugeteilt, die auch teils als Privileg erlebt wird. Es nimmt auch ungewollt eine Konkurrenzposition zur Mutter ein. Von dieser erhält es oft zu wenig Zuwendung, da die Mutter ihrerseits häufig durch Entwertungs-Erfahrungen seitens der eigenen dominanten Mutter ein negatives weibliches Selbst- und Fremdkonzept aufgebaut hat. Kinder verhalten sich stets loyal zu den Eltern, auch zu dem missbrauchenden Elternteil, und schweigen deshalb meist sehr lange zu den erlittenen Traumatisierungen.

 

Dr. Norbert Hossner

-Psychiater-


Erläuterungen zu 1 : Psychogramm (hier: Gesamt der intrafamiliären psychischen Beziehungsmuster) entsteht als solches nicht, besteht sowieso, kann lediglich relativistisch näher beschrieben werden; entstehen könnte ein Psychopathogramm (wenn Du Deinen vereinzelten Hauptsatz(nicht relativisch) so stehen lassen willst.

Erläuterungen zu 2 : Intrafamiliärer Missbrauch wird ja „nur“ zu 25% beobachtet,also nicht „meist“.